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Geschichte der Naturheilkunde: von der Antike bis heute

Von der Säftelehre der Antike über die Kräuterkunde der Klöster bis zu den Wasserkuren des 19. Jahrhunderts: ein Streifzug durch die lange Geschichte einer Heiltradition – und ihr Weg in die Schweiz von heute.

AH
Alpenheil-Redaktion
Aktualisiert am 9. März 2026 · 7 Min. Lesezeit
Alte Kräuterbücher und getrocknete Heilpflanzen als Sinnbild der Naturheilkunde-Geschichte
Heilpflanzenwissen wurde über Jahrhunderte gesammelt und weitergegeben · Aufnahme zur Illustration

Die Naturheilkunde ist keine Erfindung der Neuzeit. Ihre Ideen – Krankheit als Ungleichgewicht zu verstehen und die Selbstheilungskräfte des Körpers zu unterstützen – ziehen sich wie ein roter Faden durch die europäische Medizingeschichte. Dieser Beitrag zeichnet die wichtigsten Stationen nach: von der antiken Säftelehre über die Klöster des Mittelalters und die Wasserkuren des 19. Jahrhunderts bis zur geregelten Ausbildung in der Schweiz von heute.

Antike Wurzeln: die Säftelehre

Der gedankliche Ursprung vieler naturheilkundlicher Vorstellungen liegt in der Antike. Der griechische Arzt Hippokrates (um 460–370 v. Chr.) und später der in Rom wirkende Galen (um 130–210 n. Chr.) begründeten die sogenannte Säftelehre (Humoralpathologie). Nach diesem Modell beruht die Gesundheit auf dem Gleichgewicht von vier Körpersäften: Blut, Schleim, gelber Galle und schwarzer Galle. Gerät dieses Gleichgewicht durcheinander, entsteht nach damaliger Vorstellung Krankheit.

Aus dieser Denkweise stammt ein Grundgedanke, der die Naturheilkunde bis heute prägt: Der Körper wird als Ganzes betrachtet, und die Heilkunst soll ihn dabei unterstützen, sein Gleichgewicht selbst wiederzufinden. Behandelt wurde vor allem mit Ernährung, Ruhe, Bewegung, Bädern und Heilpflanzen. Die Säftelehre blieb in Europa über viele Jahrhunderte das bestimmende Krankheitsmodell – lange bevor Zellbiologie und Bakteriologie ein neues, naturwissenschaftliches Verständnis brachten.

Klostermedizin und Hildegard von Bingen

Im Mittelalter wurde das medizinische Wissen der Antike vor allem in den Klöstern bewahrt und weitergegeben. Mönche und Nonnen legten Kräutergärten an, sammelten Rezepte und schrieben Heilpflanzenwissen in Handschriften nieder. Diese Klostermedizin stützte sich weitgehend auf die Pflanzenheilkunde und orientierte sich weiterhin an der Säftelehre von Hippokrates und Galen.

Eine zentrale Gestalt dieser Epoche ist die Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098–1179). Ihre Schriften verbinden Kenntnisse über Heilpflanzen und Ernährung mit einer ganzheitlichen Sicht auf den Menschen, die Körper, Seele und Lebensweise zusammendenkt. Bis heute wird ihr Name in der volkstümlichen Kräuterkunde häufig genannt. Historisch betrachtet steht sie stellvertretend für eine ganze Tradition klösterlicher Heilkunst, in der praktisches Pflanzenwissen und geistige Haltung eng miteinander verbunden waren.

Woher kommt das Wort «ganzheitlich»?

Der Anspruch, den ganzen Menschen zu betrachten statt nur ein einzelnes Symptom, zieht sich von der antiken Säftelehre über die Klostermedizin bis in die moderne Naturheilkunde. Er ist eines der ältesten und beständigsten Motive dieser Tradition.

Die Naturheilbewegung des 19. Jahrhunderts

Als eigenständige Bewegung mit dem Namen «Naturheilkunde» entstand das Feld erst im 19. Jahrhundert. Der Begriff kam um 1839 auf – zu einer Zeit, in der sich die naturwissenschaftliche Medizin rasch entwickelte und viele Menschen zugleich nach natürlichen, gut nachvollziehbaren Heilwegen suchten. Getragen wurde die Bewegung häufig von medizinischen Laien, die aus eigener Erfahrung und Beobachtung heilten.

  • Vincenz Priessnitz (1799–1851): Der Landwirt aus Gräfenberg in Österreichisch-Schlesien gilt als Erneuerer der Kaltwasserkur. Er behandelte Kranke mit kalten Wickeln, Güssen und Bädern in Verbindung mit Ernährung, Bewegung, Licht und Luft und machte die Wasserheilkunde einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
  • Johann Schroth (1798–1856): Der Fuhrmann entwickelte die nach ihm benannte Schrothkur mit strengen Diät- und Trinkvorschriften sowie feuchten Packungen. Seine Ernährungsregeln unterschieden sich deutlich von späteren, milderen Ansätzen.
  • Sebastian Kneipp (1821–1897): Der Pfarrer aus dem Allgäu verband die Wasseranwendungen zu einem umfassenden System. Aus seiner Lehre gingen die bekannten fünf Säulen hervor: Wasser, Pflanzen, Bewegung, Ernährung und Ordnung (eine ausgewogene Lebensweise). Er verband damit Hydro- und Phytotherapie zu einem ganzheitlichen Konzept.

Diese Pioniere prägten das Bild der Naturheilkunde bis heute. Wer sich für das System hinter Kneipps Anwendungen interessiert, findet in unserem Beitrag Die 5 Säulen nach Kneipp eine ausführliche Darstellung. Die Wasserkuren des 19. Jahrhunderts fielen zudem in die Zeit der Lebensreformbewegung, die einen naturnahen Lebensstil mit Licht, Luft und einfacher Kost propagierte.

~1839
Der Begriff «Naturheilkunde» kommt auf
5
Säulen im System nach Sebastian Kneipp
2015
Eidg. Diplom für Naturheilpraktiker eingeführt

Professionalisierung im 20. Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert wandelte sich die Naturheilkunde von einer Laienbewegung zu einem zunehmend geordneten Berufsfeld. Verbände entstanden, Heilpflanzen wurden systematischer untersucht, und einzelne Verfahren fanden Eingang in Ausbildungen und Fachschulen. Gleichzeitig etablierte sich die naturwissenschaftliche Medizin als dominierendes System – Naturheilkunde und Schulmedizin wurden fortan oft als getrennte, teils konkurrierende Wege wahrgenommen.

Zu den historisch überlieferten Verfahren, die in dieser Zeit weitergepflegt wurden, zählen die Pflanzenheilkunde, Wasseranwendungen, Ernährungslehren sowie ergänzende Methoden. Ihre wissenschaftliche Bewertung fällt bis heute sehr unterschiedlich aus: Manche Ansätze sind gut untersucht, andere gelten als traditionell überliefert oder umstritten. Die folgende Übersicht ordnet einige bekannte Verfahren grob ein.

VerfahrenKurzbeschreibungHistorischer Bezug
PhytotherapieAnwendung von Heilpflanzen und PflanzenauszügenAntike, Klostermedizin
HydrotherapieWasseranwendungen wie Güsse, Wickel und Bäder19. Jahrhundert (Priessnitz, Kneipp)
Ernährungs- und FastenlehrenUmstellung der Kost als Teil der BehandlungAntike (Fasten), Schrothkur
OrdnungstherapieAusgewogene Lebensweise mit Ruhe, Bewegung, RhythmusKneipp, Lebensreform
Historische Einordnung, keine Heilaussage

Dieser Beitrag beschreibt die geschichtliche Entwicklung der Naturheilkunde. Er bewertet keine einzelnen Behandlungen und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden oder schweren Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung wichtig.

Naturheilkunde in der Schweiz von heute

In der Schweiz ist die Naturheilkunde heute in geordnete Bahnen gelenkt. Seit 2017 werden fünf ärztliche Komplementärmethoden über die obligatorische Grundversicherung vergütet: anthroposophische Medizin, klassische Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin mit Akupunktur, Phytotherapie und Neuraltherapie. Für nichtärztliche Behandelnde wurde 2015 die Prüfungsordnung für das eidgenössische Diplom «Naturheilpraktikerin/Naturheilpraktiker» genehmigt – mit vier Fachrichtungen: Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN).

Rechtlich gilt in der Schweiz das Heilmittelgesetz, und viele Zusatzversicherungen richten sich nach den Qualitätsregistern EMR und ASCA. Aus den einfachen Wasserkuren des 19. Jahrhunderts ist damit ein Feld mit strukturierter, mehrjähriger Ausbildung geworden. Wie sich diese Entwicklung im Alpenraum konkret gestaltet, lesen Sie im Beitrag Naturheilkunde in der Schweiz. Weitere Hintergrundartikel finden Sie in unserem Blog.

Häufige Fragen

Wann entstand die Naturheilkunde?

Ihre Wurzeln reichen bis in die Antike zurück, als Hippokrates und Galen die Säftelehre begründeten. Als eigenständige Bewegung mit dem Namen «Naturheilkunde» entstand sie jedoch erst im 19. Jahrhundert, als der Begriff um 1839 aufkam und Laienheiler wie Vincenz Priessnitz und Sebastian Kneipp populär wurden.

Wer gilt als Begründer der modernen Naturheilkunde?

Als erste moderne Vertreter gelten die Landwirte und medizinischen Laien Vincenz Priessnitz (1799–1851) und Johann Schroth (1798–1856). Grosse Bekanntheit erlangte später der Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897), der die Wasseranwendungen mit Ernährung, Bewegung und Pflanzenheilkunde zu einem umfassenden System verband.

Was ist die Säftelehre?

Die Säftelehre (Humoralpathologie) ist ein antikes Krankheitsmodell von Hippokrates und Galen. Es geht davon aus, dass Gesundheit auf dem Gleichgewicht von vier Körpersäften beruht: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Dieses Denken prägte die Heilkunde in Europa über viele Jahrhunderte.

Welche Rolle spielte Hildegard von Bingen?

Die Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098–1179) steht für die mittelalterliche Klostermedizin. In den Klöstern wurde Wissen über Heilpflanzen gesammelt, angebaut und niedergeschrieben. Hildegards Schriften verbinden Pflanzenkunde, Ernährung und eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen.

Wie ist die Naturheilkunde heute in der Schweiz geregelt?

Seit 2017 vergüten die Krankenkassen fünf ärztliche Komplementärmethoden über die Grundversicherung. Für nichtärztliche Behandelnde gibt es seit 2015 das eidgenössische Diplom «Naturheilpraktikerin/Naturheilpraktiker» mit vier Fachrichtungen. Viele Zusatzversicherungen richten sich zudem nach den Registern EMR und ASCA.

Ist die Wirksamkeit naturheilkundlicher Verfahren belegt?

Das ist je nach Verfahren sehr unterschiedlich. Manche Methoden wie Teile der Pflanzenheilkunde sind gut untersucht, andere gelten als traditionell überliefert oder wissenschaftlich umstritten. Bei anhaltenden oder schweren Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung wichtig.

Quellen & Literatur

  1. Wikipedia. Naturheilkunde. Abgerufen 2026.
  2. Wikipedia. Humoralpathologie (Säftelehre). Abgerufen 2026.
  3. Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin (OdA AM). Berufsbild Naturheilpraktikerin/Naturheilpraktiker mit eidg. Diplom. Abgerufen 2026.