Naturheilverfahren im Überblick: welche gibt es?
Von der Pflanzenheilkunde über Akupunktur bis zu den Wasseranwendungen nach Kneipp – ein neutraler Überblick über die wichtigsten Naturheilverfahren, ihre Grundidee und ihre wissenschaftliche Einordnung.

„Welche Naturheilverfahren gibt es eigentlich?" – wer diese Frage stellt, stösst schnell auf eine lange, unübersichtliche Liste. Denn unter dem Begriff Naturheilkunde versammeln sich sehr verschiedene Ansätze: von jahrhundertealter Pflanzenheilkunde über Wasseranwendungen bis zu Methoden aus anderen Kulturkreisen. Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Verfahren, erklärt kurz ihre Grundidee und zeigt in einer grossen Tabelle, wie gut sie wissenschaftlich untersucht sind. Wichtig vorab: Die Verfahren unterscheiden sich stark in ihrer Evidenz – eine pauschale Bewertung „der" Naturheilkunde ist nicht möglich.
Wie werden Naturheilverfahren eingeteilt?
In der Fachliteratur trennt man häufig zwischen der klassischen Naturheilkunde und den sogenannten erweiterten Verfahren. Die klassische Naturheilkunde stützt sich auf körpereigene Selbstregulation und natürliche Reize wie Wasser, Bewegung, Ernährung und Heilpflanzen. Zu den erweiterten Verfahren zählt man Methoden, die später hinzukamen oder aus anderen Heiltraditionen stammen – etwa Akupunktur, Homöopathie, Osteopathie oder Ayurveda.
Die Grenzen sind fliessend, und nicht jede Quelle zieht sie an derselben Stelle. Was Naturheilkunde überhaupt ausmacht und wie sie historisch entstanden ist, erklären wir ausführlich im Beitrag Was ist Naturheilkunde?. Wichtig für den Überblick ist vor allem: Der Sammelbegriff sagt noch nichts über die Wirksamkeit einer einzelnen Methode aus.
Die fünf Säulen der klassischen Naturheilkunde
Die bekannteste Ordnung geht auf den Pfarrer Sebastian Kneipp zurück. Er fasste die klassische Naturheilkunde in fünf Säulen zusammen, die zusammenwirken sollen:
- Hydrotherapie: Wasseranwendungen wie Güsse, Wickel, Bäder und Wechselduschen.
- Bewegungstherapie: gezielte körperliche Aktivität im Wechsel mit Ruhephasen.
- Ernährungstherapie: eine ausgewogene, an den Bedarf angepasste Kost.
- Ordnungstherapie: ein ausgewogener Lebensrhythmus, Entspannung und der Umgang mit Stress.
- Phytotherapie: die Anwendung von Heilpflanzen, etwa als Tee, Bad oder ätherisches Öl.
Das Besondere an diesem Konzept ist die Synergie: Nicht eine einzelne Anwendung steht im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel eines gesundheitsfördernden Lebensstils. Viele erweiterte Verfahren docken an diesen ganzheitlichen Gedanken an, arbeiten aber mit eigenen Erklärungsmodellen.
Verfahren, die einen schulmedizinischen Ansatz ergänzen, nennt man Komplementärmedizin; solche, die ihn ersetzen wollen, Alternativmedizin. Wie sich beide Welten zueinander verhalten, beleuchtet der Beitrag Naturheilkunde vs. Schulmedizin.
Grosse Übersicht: Verfahren im Vergleich
Die folgende Tabelle stellt die häufigsten Naturheilverfahren mit einer kurzen Beschreibung und einer neutralen wissenschaftlichen Einordnung zusammen. Die Angaben sind beschreibend und stellen keine Heil- oder Wirkversprechen dar. Der Forschungsstand kann sich weiterentwickeln.
| Verfahren | Kurzbeschreibung | Wissenschaftliche Einordnung |
|---|---|---|
| Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) | Einsatz von Heilpflanzen als Tee, Tinktur, Extrakt oder Öl. | Für einzelne Pflanzen und Anwendungen gut untersucht; die Qualität der Belege variiert je nach Pflanze und Indikation. |
| Homöopathie | Stark verdünnte („potenzierte") Zubereitungen nach dem Ähnlichkeitsprinzip. | Umstritten; ein Wirknachweis über den Placebo-Effekt hinaus ist wissenschaftlich nicht belegt. |
| Akupunktur / TCM | Setzen feiner Nadeln an definierten Punkten; Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin. | Gemischte Datenlage: für einige Beschwerden Hinweise auf Nutzen, für viele andere keine belastbaren Belege. |
| Ausleitende Verfahren (u. a. Schröpfen) | Methoden, die den Körper „entlasten" sollen, etwa Schröpfen oder Aderlass. | Wenig hochwertige Studien; die zugrunde liegenden Konzepte gelten als wissenschaftlich nicht belegt. |
| Hydrotherapie / Kneipp | Wasseranwendungen wie Güsse, Wickel und Wechselduschen. | Als Teil eines gesunden Lebensstils plausibel; einzelne Effekte (z. B. auf das Wohlbefinden) sind untersucht, die Belege sind unterschiedlich stark. |
| Ernährungs- & Ordnungstherapie | Ausgewogene Kost, Bewegung, Entspannung und Lebensrhythmus. | Grundprinzipien decken sich weitgehend mit anerkannter Präventionsmedizin und sind gut belegt. |
| Osteopathie / manuelle Verfahren | Behandlung mit den Händen an Muskeln, Gelenken und Gewebe. | Für bestimmte Rückenbeschwerden gibt es Hinweise auf Nutzen; darüber hinaus ist die Studienlage begrenzt. |
| Neuraltherapie | Injektion örtlicher Betäubungsmittel an bestimmten Körperstellen. | Wenig aussagekräftige Studien; die Wirksamkeit gilt als nicht ausreichend belegt. |
| Ayurveda | Traditionelles indisches Heilsystem mit Ernährung, Kräutern, Massagen und Reinigungsverfahren. | Als ganzheitliches System kaum in kontrollierten Studien untersucht; einzelne Bausteine werden erforscht. |
Warum die Evidenz so unterschiedlich ist
Der wohl wichtigste Punkt für Laien: „Naturheilkunde" ist kein Gütesiegel für Wirksamkeit. Die Verfahren in der Tabelle sind sehr verschieden aufgebaut, und entsprechend unterschiedlich ist die Beweislage.
Am einen Ende stehen Ansätze, deren Grundprinzipien sich mit anerkannter Medizin decken – etwa eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und guter Umgang mit Stress. Hier ist der Nutzen gut belegt. In der Mitte liegen Verfahren mit gemischter Datenlage wie die Akupunktur: Für einzelne Beschwerden deuten Studien auf einen Nutzen hin, für viele andere fehlen belastbare Belege. Am anderen Ende steht die Homöopathie, für die trotz zahlreicher Untersuchungen kein Wirknachweis über einen Placebo-Effekt hinaus gelingt.
Für die Einordnung einzelner Methoden lohnt sich deshalb immer der Blick auf die konkrete Frage: Für welche Beschwerde und wie gut ist ein Verfahren untersucht? Pauschale Aussagen führen in die Irre. Eine ausführlichere Gegenüberstellung von naturheilkundlichem und schulmedizinischem Denken bietet unser Beitrag Naturheilkunde vs. Schulmedizin.
Dieser Überblick dient der Information und ist keine Behandlungsempfehlung. Bei anhaltenden, unklaren oder schweren Beschwerden sollte immer eine Ärztin oder ein Arzt aufgesucht werden. Naturheilkundliche Verfahren können eine notwendige medizinische Behandlung ergänzen, aber nicht ersetzen.
Naturheilverfahren in der Schweiz
In der Schweiz sind Naturheilverfahren gut in das Gesundheitssystem eingebettet. Seit 2017 übernimmt die obligatorische Grundversicherung fünf ärztliche komplementärmedizinische Methoden, sofern sie von entsprechend weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten erbracht werden: anthroposophische Medizin, klassische Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin/Akupunktur, Phytotherapie und Neuraltherapie. Grundlage ist die Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV).
Wird eine Behandlung dagegen von einer nichtärztlichen Fachperson durchgeführt, läuft die Kostenübernahme in der Regel über eine Zusatzversicherung – häufig gekoppelt an Qualitätsregister wie das EMR (ErfahrungsMedizinisches Register) oder die ASCA. Für die nichtärztliche Ausübung gibt es seit 2015 ausserdem das eidgenössische Diplom „Naturheilpraktikerin/Naturheilpraktiker" mit vier Fachrichtungen: Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN). Für Arzneimittel gilt in der Schweiz das Heilmittelgesetz (HMG). Wie all das zusammenspielt und was die Begriffe genau bedeuten, ordnet der Pilier-Beitrag Naturheilkunde-Ratgeber ein.
Häufige Fragen
Welche Naturheilverfahren gibt es?
Zu den bekanntesten Verfahren zählen die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), die Homöopathie, Akupunktur und die weitere Traditionelle Chinesische Medizin, ausleitende Verfahren wie Schröpfen, die Hydrotherapie nach Kneipp, die Ernährungs- und Ordnungstherapie, die Osteopathie und andere manuelle Verfahren, die Neuraltherapie sowie Ayurveda. Die klassische Naturheilkunde fasst fünf Säulen zusammen: Hydrotherapie, Bewegung, Ernährung, Ordnung und Phytotherapie.
Was sind die fünf Säulen der klassischen Naturheilkunde?
Die klassische Naturheilkunde, wie sie auf Sebastian Kneipp zurückgeht, beruht auf fünf Säulen: Hydrotherapie (Wasseranwendungen), Bewegungstherapie, Ernährungstherapie, Ordnungstherapie (Lebensordnung, Entspannung) und Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Erst das Zusammenspiel dieser Elemente macht den ganzheitlichen Ansatz aus.
Welche Naturheilverfahren sind wissenschaftlich belegt?
Die Verfahren unterscheiden sich stark in ihrer Evidenz. Für einzelne Heilpflanzen der Phytotherapie sowie für Teile der Bewegungs- und Ernährungstherapie gibt es gute Daten. Bei der Akupunktur ist die Datenlage gemischt. Für die Homöopathie ist ein Wirknachweis über den Placebo-Effekt hinaus nicht belegt. Andere Verfahren gelten als wenig untersucht oder umstritten. Eine pauschale Aussage über „die" Naturheilkunde ist deshalb nicht möglich.
Welche Naturheilverfahren zahlt die Krankenkasse in der Schweiz?
Seit 2017 übernimmt die obligatorische Grundversicherung fünf ärztliche komplementärmedizinische Methoden: anthroposophische Medizin, klassische Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin/Akupunktur, Phytotherapie und Neuraltherapie – sofern sie von entsprechend weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten erbracht werden. Behandlungen bei nichtärztlichen Naturheilpraktikerinnen und Naturheilpraktikern laufen in der Regel über eine Zusatzversicherung, häufig gekoppelt an Register wie EMR oder ASCA.
Was ist der Unterschied zwischen Phytotherapie und Homöopathie?
Die Phytotherapie nutzt pflanzliche Wirkstoffe in messbaren Mengen, etwa als Tee, Tinktur oder Extrakt. Die Homöopathie arbeitet dagegen mit stark verdünnten Zubereitungen; in hohen Potenzen ist rechnerisch oft kein Wirkstoffmolekül mehr enthalten. Beide werden umgangssprachlich zur Naturheilkunde gezählt, unterscheiden sich aber grundlegend in Wirkprinzip und Studienlage.
Braucht es für Naturheilverfahren in der Schweiz eine Ausbildung?
Für die nichtärztliche Ausübung gibt es seit 2015 das eidgenössische Diplom „Naturheilpraktikerin/Naturheilpraktiker" mit vier Fachrichtungen: Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN). Ärztliche Komplementärmedizin setzt einen Facharzttitel mit komplementärmedizinischer Weiterbildung voraus.
Quellen & Literatur
- Bundesamt für Gesundheit (BAG). Ärztliche Komplementärmedizin. Abgerufen 2026.
- Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin (OdA AM). Beruf Naturheilpraktiker/in – anerkannte Fachrichtungen. Abgerufen 2026.
- Dachverband Komplementärmedizin (Dakomed). Fachrichtungen und Methoden. Abgerufen 2026.

