Ausleitende Verfahren und Schröpfen: Überblick und Einordnung
Schröpfen, Aderlass, Blutegel: Was hinter den ausleitenden Verfahren der traditionellen Naturheilkunde steckt, wie sie ablaufen – und was wissenschaftlich belegt ist und was nicht.

Ausleitende Verfahren zählen zu den ältesten Behandlungsformen der traditionellen europäischen Naturheilkunde. Schröpfen, Aderlass oder die Blutegeltherapie werden seit der Antike angewendet und noch heute in vielen Praxen angeboten. Dieser Beitrag ordnet die Verfahren sachlich ein: Er erklärt ihre historische Idee, beschreibt die einzelnen Methoden neutral und benennt offen, was wissenschaftlich belegt ist – und was umstritten bleibt.
Was sind ausleitende Verfahren?
Unter dem Sammelbegriff ausleitende Verfahren fasst die traditionelle Naturheilkunde eine Gruppe von Methoden zusammen, die den Körper von vermeintlich schädlichen oder überschüssigen Stoffen befreien sollen. Zu den klassischen Verfahren gehören das Schröpfen, der Aderlass, die Blutegeltherapie, das Baunscheidtieren und das Cantharidenpflaster. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, über Haut, Blut oder Lymphe eine „Reinigung" anzuregen.
Die Verfahren gehören zur sogenannten Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN), einer der vier anerkannten Fachrichtungen des eidgenössischen Berufs Naturheilpraktiker/in. Einen breiteren Einstieg in die verschiedenen Methodenfamilien bietet unser Überblick über die gängigen Naturheilverfahren. Wichtig vorweg: Ausleitende Verfahren werden traditionell eingesetzt, sind aber keine Ersatztherapie bei ernsthaften Erkrankungen.
Die historische Idee – und was die Wissenschaft sagt
Der Begriff der Ausleitung geht auf die antike Humoralpathologie zurück, die sogenannte Säftelehre. Nach dieser bereits von Hippokrates geprägten Vorstellung entstehen Krankheiten durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Schädliche Säfte, so die Idee, müssten „ausgeleitet" werden, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Diese Deutung prägte die europäische Medizin über Jahrhunderte. Aus heutiger Sicht ist das Konzept einer stofflichen „Entschlackung" oder „Ausleitung von Giftstoffen" jedoch wissenschaftlich nicht belegt. Ein gesunder Körper entgiftet über Leber, Nieren und Darm; „Schlacken" im Sinne der Säftelehre lassen sich nicht nachweisen. Nachvollziehbar sind hingegen lokale Effekte einzelner Verfahren, etwa eine verstärkte Durchblutung der behandelten Hautstelle. Ob daraus ein therapeutischer Nutzen über einen Placebo-Effekt hinaus entsteht, ist wissenschaftlich umstritten.
Wir beschreiben die Verfahren so, wie sie überliefert und angewendet werden. Das bedeutet nicht, dass ihr Nutzen wissenschaftlich bewiesen ist. Bei gesundheitlichen Beschwerden ersetzt keine dieser Methoden eine ärztliche Abklärung.
Die Verfahren im Überblick
Die folgende Übersicht beschreibt die bekanntesten ausleitenden Verfahren neutral und nennt jeweils den wichtigsten Hinweis oder das relevante Risiko. Blutige Verfahren – bei denen die Haut verletzt wird – sind grundsätzlich anspruchsvoller und stellen höhere Anforderungen an Hygiene und Fachkunde.
| Verfahren | Kurzbeschreibung | Hinweis / Risiko |
|---|---|---|
| Trockenes Schröpfen | Gläser oder Kunststoffglocken werden mit Unterdruck auf die intakte Haut gesetzt; die Haut wird angesaugt. | Blaue Flecken sind normal; unproblematisch, sofern die Haut unverletzt ist. |
| Blutiges (nasses) Schröpfen | Die Haut wird zuvor mit einer Lanzette leicht angeritzt, danach wird über den Unterdruck etwas Blut abgesaugt. | Verletzt die Haut – Infektionsrisiko; sterile Einweg-Instrumente nötig. |
| Aderlass | Ablassen einer definierten Menge Blut über eine Vene, traditionell zur „Entlastung". | Kreislaufbelastung; nur mit ärztlicher Abklärung, nicht bei niedrigem Blutdruck. |
| Blutegeltherapie | Medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) saugen an einer Hautstelle und geben dabei Speichelstoffe ab. | Nachblutung und Juckreiz möglich; Egel sind Einwegprodukte, Infektionsrisiko beachten. |
| Baunscheidtieren | Mit einem Nadelgerät werden feine Hautreize gesetzt, anschliessend wird ein reizendes Öl aufgetragen. | Deutliche Hautreizung und Pusteln gewollt; nicht auf geschädigter Haut. |
| Cantharidenpflaster | Ein Pflaster mit Wirkstoff der Spanischen Fliege erzeugt gezielt eine Hautblase, die entleert wird. | Reizend; unsachgemäss angewendet Verätzungs- und Narbenrisiko. |
Schröpfen: trocken und blutig
Das Schröpfen ist das bekannteste ausleitende Verfahren und nimmt eine Sonderrolle ein. Dabei werden glockenförmige Gläser auf die Haut gesetzt, in denen durch Erwärmen der Luft oder durch Absaugen ein Unterdruck entsteht. Das Glas saugt sich fest und zieht die Haut leicht an – die darunterliegende Region wird stärker durchblutet. Unterschieden werden vor allem zwei Formen:
- Trockenes Schröpfen: Die Gläser werden für etwa 10 bis 15 Minuten auf die unversehrte Haut gesetzt. Die Haut wird nicht verletzt; sichtbar bleiben oft runde, blaurote Male, die von selbst verblassen. Eine Variante ist die Schröpfkopfmassage, bei der das angesetzte Glas über eingeölte Haut geführt wird.
- Blutiges (nasses) Schröpfen: Vor dem Aufsetzen wird die desinfizierte Haut mit einer sterilen Lanzette oberflächlich angeritzt. Über den Unterdruck wird dann eine kleine Menge Blut abgesaugt. Weil dabei die Haut verletzt wird, ist die Hygiene besonders wichtig.
Traditionell wird Schröpfen zur Anregung der lokalen Durchblutung und zur Lösung von muskulären Verspannungen eingesetzt. Ein darüber hinausgehender, allgemeiner Nutzen ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Wer eine seriöse Anbieterin oder einen seriösen Anbieter sucht, findet Orientierung in unserem Beitrag Seriöse Naturheilkunde erkennen.
Hygiene, Risiken und Kontraindikationen
So harmlos manche Verfahren wirken – gerade die blutigen Methoden sind nicht risikofrei. Beim trockenen Schröpfen sind blaue Flecken und ein leichter Muskelkater-ähnlicher Druck die häufigsten, an sich harmlosen Begleiterscheinungen. Sobald jedoch die Haut verletzt wird – beim blutigen Schröpfen, beim Aderlass oder bei der Blutegeltherapie – steht das Infektionsrisiko im Vordergrund. Nur einwandfrei sterilisierte oder Einweg-Instrumente und eine saubere Durchführung durch eine fachkundige Person können es minimieren.
Blutentziehende Verfahren können zudem den Kreislauf belasten. Für bestimmte Personengruppen sind sie deshalb ungeeignet.
Wer blutverdünnende Medikamente einnimmt oder unter einer Blutgerinnungsstörung leidet, sollte auf blutige Verfahren verzichten und diese vorab ärztlich abklären. Das Gleiche gilt bei akuten Entzündungen, Fieber, offenen Wunden, in der Schwangerschaft sowie bei schweren Herz- und Gefässerkrankungen. Anhaltende oder unklare Beschwerden gehören in jedem Fall in ärztliche Hände.
Vor einer Behandlung ist ein offenes Gespräch über Vorerkrankungen und Medikamente sinnvoll. Eine seriöse Therapiefachperson klärt über den Ablauf, mögliche Reaktionen und Grenzen der Methode auf – und verweist bei ernsten Beschwerden an die ärztliche Versorgung.
Ausbildung und Kostenübernahme in der Schweiz
In der Schweiz werden ausleitende Verfahren typischerweise im Rahmen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde angeboten, einer der vier Fachrichtungen des eidgenössischen Diploms Naturheilpraktiker/in (Höhere Fachprüfung). Die Berufsausübung fällt unter das Heilmittelgesetz und die kantonalen Gesundheitsregelungen; anders als Deutschland kennt die Schweiz keinen eigenen „Heilpraktiker"-Beruf.
Ausleitende Verfahren gehören nicht zu den fünf ärztlichen Komplementärmethoden, die seit 2017 in der obligatorischen Grundversicherung enthalten sind (anthroposophische Medizin, klassische Homöopathie, TCM/Akupunktur, Phytotherapie und Neuraltherapie). Werden sie von einer bei EMR oder ASCA registrierten Fachperson erbracht, ist je nach Zusatzversicherung eine teilweise Kostenübernahme möglich. Massgeblich sind die individuellen Versicherungsbedingungen. Wie sich seriöse Angebote insgesamt einordnen lassen, vertieft unser Naturheilkunde-Ratgeber.
Häufige Fragen
Was sind ausleitende Verfahren?
Ausleitende Verfahren sind traditionelle Methoden der europäischen Naturheilkunde, die den Körper von vermeintlich schädlichen Stoffen befreien sollen. Dazu zählen Schröpfen, Aderlass, Blutegeltherapie, Baunscheidtieren und das Cantharidenpflaster. Die zugrunde liegende Idee der Ausleitung stammt aus der antiken Säftelehre und ist wissenschaftlich nicht belegt.
Wie funktioniert Schröpfen?
Beim Schröpfen werden Gläser oder Kunststoffglocken auf die Haut gesetzt, in denen ein Unterdruck erzeugt wird. Dadurch saugt sich das Glas fest und zieht die Haut leicht an. Beim trockenen Schröpfen bleibt die Haut unversehrt; beim blutigen Schröpfen wird sie zuvor mit einer Lanzette leicht angeritzt. Schröpfen wird traditionell zur Anregung der lokalen Durchblutung eingesetzt.
Ist Schröpfen wissenschaftlich belegt?
Ein über die lokale Durchblutung und einen möglichen Placebo-Effekt hinausgehender Nutzen ist wissenschaftlich umstritten und nicht eindeutig belegt. Die historische Vorstellung, dass dabei Schlacken oder Gifte ausgeleitet würden, gilt als überholt. Schröpfen wird daher als traditionelles Verfahren beschrieben, nicht als Heilmethode.
Welche Risiken haben ausleitende Verfahren?
Blaue Flecken und muskelkaterähnliche Beschwerden sind häufig und harmlos. Bei blutigem Schröpfen, Aderlass und Blutegeln besteht ein Infektionsrisiko, wenn die Hygiene nicht eingehalten wird; ausserdem kann der Kreislauf belastet werden. Sterile Instrumente und eine fachkundige Durchführung sind daher entscheidend.
Wann sollte man auf ausleitende Verfahren verzichten?
Bei der Einnahme von Blutverdünnern, bei Gerinnungsstörungen, akuten Entzündungen, offenen Wunden, in der Schwangerschaft sowie bei schweren Herz- oder Gefässerkrankungen sind blutige Verfahren nicht geeignet. In diesen Fällen und bei anhaltenden Beschwerden sollte vorab ärztlich abgeklärt werden.
Werden ausleitende Verfahren von der Krankenkasse bezahlt?
Ausleitende Verfahren gehören nicht zu den fünf ärztlichen Komplementärmethoden der obligatorischen Grundversicherung. Werden sie von einer registrierten Therapiefachperson erbracht, können sie je nach Zusatzversicherung und Registrierung (etwa EMR oder ASCA) teilweise übernommen werden. Massgeblich sind die individuellen Versicherungsbedingungen.
Quellen & Literatur
- Bundesamt für Gesundheit (BAG). Komplementärmedizin in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Abgerufen 2026.
- Aboushanab TS, AlSanad S. Cupping Therapy: An Overview from a Modern Medicine Perspective. J Acupunct Meridian Stud. 2018;11(3):83–87.
- Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin (OdA AM). Höhere Fachprüfung Naturheilpraktiker/in – Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN). Abgerufen 2026.

